Das Friaul-Erdbeben 1976 – 50 Jahre danach: Lehren und bleibende Bedeutung
Am 6. Mai 2026 jährt sich das verheerende Erdbeben in Friaul (Nordostitalien) zum 50. Mal. Mit einer Momenten-Magnitude (Mw) von 6,5 gilt es als die folgenreichste Naturkatastrophe Italiens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und zählt somit zu den zerstörerischsten Erdbeben der jüngeren europäischen Geschichte. Bis heute gilt es als zentraler Referenzfall für die Seismologie, den Katastrophenschutz und das Risikomanagement im Alpenraum.
Am Abend des 6. Mai 1976 erschütterte um 21:00 Uhr MEZ ein starkes Erdbeben die Region Friaul-Julisch Venetien im Nordosten Italiens etwa eine Minute lang. Das Epizentrum (46,25°N, 13,22°O) lag südöstlich der Stadt Gemona del Friuli, wo die Auswirkungen besonders gravierend waren. Die Epizentralintensität erreichte einen Wert von I0=X auf der 12-stufigen Europäischen Makroseismischen Skala (EMS-98). Es kam zu massiven Zerstörungen in zahlreichen Städten und Dörfern, darunter Gemona, Venzone und Osoppo. Auch viele historische Bauwerke wurden zerstört, so stürzten etwa vom berühmten Dom Santa Maria Assunta in Gemona ein Seitenschiff und der Campanile ein. Neben diesen stark betroffenen Gebieten in Italien wurden auch im heutigen Slowenien und in Österreich erhebliche Schäden registriert.
Beinahe 1.000 Menschen verloren ihr Leben (Tertulliani et al., 2018), es gab mehr als 2.000 Verletzte und etwa 150.000 verloren durch das Erdbeben ihr Zuhause (Drimmel et al., 1979). Die seismische Aktivität dauerte sehr lange an und es wurden zahlreiche Nachbeben registriert, die bis ins Jahr 1977 andauerten. Man kann in der Erdbebenserie zwei ausgeprägte Hauptphasen im Mai und September 1976 erkennen.
Etwa eine Minute vor dem Hauptbeben wurde am 6. Mai 1976 ein starkes Vorbeben der Magnitude 4,5 (Ml) registriert (AEC, Österreichischer Erdbebenkatalog, GeoSphere Austria). Das stärkste Nachbeben ereignete sich am 15. September 1976 mit einer Magnitude von 6,1 Ml (AEC). Dadurch kam es vor allem im Epizentralgebiet zu weiteren schweren Schäden an Gebäuden. Auch in Österreich wurde diese langanhaltende Serie deutlich wahrgenommen. Insgesamt wurden 84 Erdbeben in Österreich verspürt, davon 81 bis Ende 1976.
Aus wissenschaftlicher Sicht zählt das Friaul-Erdbeben zu den bedeutenden Ereignissen für das Verständnis der Seismizität im südlichen Alpenraum. Die tektonische Ursache des Erdbebens ist auf eine Verschiebung der Adriatischen Mikroplatte in Richtung Europäischer Kontinentalplatte mit einer Geschwindigkeit von etwa 2 Millimetern pro Jahr zurückzuführen.
Auch die damaligen instrumentellen Aufzeichnungen sind aus heutiger Sicht von besonderem Interesse. Die Bodenbewegungen des Erdbebens wurden in einer Entfernung von über 300 Kilometern in Wien auf der Hohen Warte mit dem sogenannten Conrad-Pendel registriert, einem vom ersten Leiter des Österreichischen Erdbebendienstes, Victor Conrad (1876-1962), entwickelten Seismometer.
Auch in Österreich war das Erdbeben deutlich zu spüren. Insgesamt wurden Meldungen aus mehr als 1.000 Orten an den Österreichischen Erdbebendienst gesendet. In einigen Orten im Süden Kärntens, wie Kötschach-Mauthen, Dellach im Gailtal, Kirchbach, Rattendorf und Hermagor kam es zu erheblichen Gebäudeschäden und die Intensität erreichte VII Grad (EMS-98).
Die Auswirkungen zeigten sich sowohl in der Infrastruktur als auch im Alltag der Bevölkerung. Neben zahlreichen Gebäudeschäden kam es vor allem in Kärnten zu Felsstürzen und Stromausfällen. Besonders betroffen waren Gebiete im Gailtal, wo in zahlreichen Orten Schäden dokumentiert wurden. Zu den überlieferten Beobachtungen zählen unter anderem beträchtliche Mauerrisse, das Abfallen großer Verputzteile, herabstürzende Kamine und Dachziegel sowie Schäden an Kirchen, Schulen und Wohnhäusern. Auch lokale Infrastrukturschäden, etwa eine eingestürzte Brücke, wurden verzeichnet. Insgesamt wurden in Kärnten 63 Orte mit Intensitäten von mindestens VI Grad (EMS-98) registriert.
Ein aus dem Archiv des Österreichischen Erdbebendienstes stammender Wahrnehmungsbericht des damaligen Gendarmeriepostenkommandos Paternion (Villach, Kärnten) verdeutlicht exemplarisch, wie die Auswirkungen des Friaul-Erdbebens in Österreich dokumentiert wurden. Solche Berichte hielten Erschütterungen, Schäden und Beobachtungen der Bevölkerung zeitnah fest und ermöglichten die Bestimmung der Erschütterungsstärke anhand der EMS-98.
Die systematische Neubewertung dieser historischen Berichte nach der EMS-98 ermöglichte es später im Rahmen einer europaweiten Studie, die Intensitätsverteilung des Ereignisses detailliert zu rekonstruieren. Die Karte zeigt, dass das Beben weit über den Alpenraum hinaus verspürt wurde – unter anderem bis nach Norddeutschland und Belgien, im Süden bis nach Rom. Die Tatsache, dass sich die Erschütterungen besonders stark in Richtung Norden ausbreiten, kann bei vielen kräftigen Erdbeben im Ostalpenraum beobachtet werden.
Das Friaul-Erdbeben machte deutlich, dass starke Erdbeben nicht an Staatsgrenzen haltmachen. Österreich unterstützte die betroffene Region bereits kurz nach dem Ereignis durch Hilfseinsätze des Bundesheeres, durch das Rote Kreuz sowie durch zahlreiche zivile Initiativen. Neben der Soforthilfe beteiligte sich Österreich auch an den weiteren Unterstützungsmaßnahmen und am Wiederaufbau.
Der Wiederaufbau in Friaul wurde international zu einem wichtigen Beispiel dafür, wie zerstörte Orte unter Wahrung ihres historischen Charakters rekonstruiert werden können. Die Bildfolge der Via Mels in Venzone zeigt denselben Ort vor dem Erdbeben, nach den Zerstörungen von 1976 und nach dem Wiederaufbau.
Darüber hinaus prägte das Ereignis den späteren Umgang mit Erdbebenrisiken in Europa. Es schärfte das Bewusstsein für erdbebengerechtes Bauen, für die Verwundbarkeit bestehender Gebäudestrukturen und für die Bedeutung eines leistungsfähigen Katastrophenschutzes. In Italien trug das Ereignis wesentlich dazu bei, den Wiederaufbau, die Gebäudebewertung, das erdbebengerechte Bauen und den Katastrophenschutz weiterzuentwickeln.
In Österreich basiert der Umgang mit seismischen Risiken auf baulichen Vorsorgemaßnahmen und den Regelungen des Eurocode 8 bzw. der ÖNORM EN 1998-1. Ihr Ziel ist es, Bauwerke in Erdbebengebieten so zu planen und zu bemessen, dass Menschen geschützt, Schäden begrenzt und für den Katastrophenschutz wichtige Bauwerke funktionsfähig gehalten werden können.
Während 1976 viele Informationen noch mit erheblicher Verzögerung verfügbar waren, erfolgt die Analyse von Erdbeben heute weitgehend automatisiert und in Echtzeit. Beim Österreichischen Erdbebendienst folgt auf ein Erdbeben ein klar strukturierter Ablauf, der eine rasche und verlässliche Einschätzung ermöglicht:
- Automatische Detektion durch das Messnetz
- Überprüfung und Analyse durch Expert:innen
- Bestimmung von Lage, Tiefe und Magnitude
- Rasche Veröffentlichung der Ergebnisse
- Weitergabe relevanter Informationen an Behörden
Erste verlässliche Informationen stehen in der Regel bereits wenige Minuten nach einem Ereignis zur Verfügung.
Neben den instrumentellen Messungen spielen die Beobachtungen aus der Bevölkerung damals wie heute eine zentrale Rolle. Wahrnehmungsberichte liefern wichtige Hinweise darauf, wie ein Erdbeben an der Erdoberfläche tatsächlich gespürt wurde, ergänzen die instrumentellen Messdaten und tragen wesentlich dazu bei, Intensitäten verlässlich zu bestimmen. Jede einzelne Meldung trägt dazu bei, die Auswirkungen eines Erdbebens besser zu verstehen und rascher einzuordnen. Wahrnehmungsberichte aus der Bevölkerung ergänzen die instrumentellen Messdaten und liefern wichtige Hinweise auf die tatsächlich verspürten Erschütterungen. Über das Wahrnehmungsformular auf unserer Homepage oder der QuakeWatch Austria App können solche Beobachtungen erfasst und für die weitere Auswertung genutzt werden.
50 Jahre nach diesem verheerenden Erdbeben in Friaul ist die Auseinandersetzung mit dem Ereignis weit mehr als ein historischer Rückblick. Es zeigt, wie wichtig wissenschaftliches Verständnis, Vorbereitung und gesellschaftliche Resilienz im Umgang mit Naturgefahren sind.
Erdbeben lassen sich nicht verhindern oder exakt vorhersagen. Ihre Auswirkungen können jedoch durch Forschung, Monitoring, geeignete Bauweisen, wirksamen Katastrophenschutz und die Mitwirkung der Bevölkerung deutlich reduziert werden. Das Wissen aus vergangenen Ereignissen und die systematische Dokumentation heutiger Erdbeben bilden dafür eine wesentliche Grundlage.
- Drimmel J., Fiegweil E. & Lukeschitz G. (1979): Die Auswirkungen der Friauler Beben in Österreich: Makroseismische Bearbeitung der Starkbeben der Jahre 1976/1977 samt historischem Rückblick. Arbeiten aus der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik, Wien, Austria, Heft 38, 83 pp.
- Tertulliani A., Cecic I., Meurers R., Sovic I., Kaiser D., Grünthal G., Pazdirkova J., Sira C., Guterch B., Kysel R., Camelbeeck T., Lecocq T. & Szanyi G. (2018): The 6 May 1976 Friuli Earthquake – re-evaluating and consolidating transnational macroseismic data. Bolletino di Geofisica Teorica et Applicata, Vol. 59, n. 4, pp 417-444. https://doi.org/10.4430/bgta0234
- Hammerl C. & Lenhardt W. (1997): Erdbeben in Österreich, Leykam Verlag, Graz.
- Hammerl C. (2025): Das Ostalpen Erdbeben vom 25. Jänner 1348 im Spiegel der Quellen und Literatur - eine unendliche Geschichte. In: Kärnten bebt(e) - Neue Fragen und Aspekte zur Archäoseismologie. Beiträge zum Symposium im kärnten.museum am 24.11.2023.
- Weginger S., Jia Y., Papi-Isaba M., Lenhardt W. & Hausmann H. (2019): Entwicklung einer regionalen Erdbebengefährdungskarte für Österreich. D-A-CH-Tagungsband, v. 16, p. 27-34.


